23. März 2020 – Applaus, Applaus

In vielen Orten treffen sich Menschen, um denen zu applaudieren, die wir als wahre Helden in dieser Zeit auszeichnen können, die unser Land am Laufen halten. Eine gute Idee!

Das Pflegepersonal in Seniorenheimen und Krankenhäusern arbeitet mehr, als zumutbar ist. Ärzte und Apotheker ebenso. Die Mitarbeiter in der Telefonseelsorge werden weitaus häufiger angerufen als sonst. Wir applaudieren den Postzustellern, die noch mehr Pakete in die Häuser tragen müssen, als in „normalen“ Zeiten. Wir klatschen für die Müllmänner, die Feuerwehr und Polizei, für die Kassiererinnen in den Supermärkten und die fleißigen Helfer, die in den Regalen für Nachschub sorgen. Wir danken der Landwirtschaft, den Bäckereien und Schlachtereien, den Mitarbeitern vom Pizzabringdienst und ihren Kollegen in anderen Sparten. Wir danken den Pflegerinnen, die ältere Menschen in ihrer Wohnung betreuen, Zahnärzten, die uns trotz Virus-Risiko in den Mund schauen …….und 1000 anderen mehr!

Anerkennung ist wichtig für alle, die „systemrelevant“ sind – und die neben warmen Worten auch mehr Gehalt für ihre Arbeit verdient haben. Anerkennung motiviert und lässt Flügel wachsen.

Anerkennung ist wichtig für alle, dass wir dem anderen mal sagen, wie sehr wir ihn schätzen, wie sehr wir uns freuen, wenn wir an seinem schönen Garten vorbeigehen, wie die Sonne aufgeht, wenn er einen Raum betritt. Danke, dass du da bist, wenn ich dich brauche. Danke, dass ich einen Platz habe in deinem Leben, dass du mich schon häufiger aus meiner Grübelfalle herausgeholt hast. Danke für jeden Sekt, den wir zusammen getrunken haben, für Gespräche, die so wertvoll waren, dass sie bis heute nachklingen.

22. März 2020 – Lichtblicke

Der heutige Sonntag hat den Namen „Lätare“, das heißt: „Freue dich“. Er soll wie ein Lichtblick in der Passionszeit sein, weist auf Ostern hin, auf das neue Leben. Der Gedanke fällt uns schwer in diesen Tagen, in denen unsere Welt in ihren Grundfesten erschüttert wird. Er klingt fast zynisch. Womöglich liegt noch ein langer, leidvoller Weg vor uns, ein Weg, von dem wir nicht wissen, was er mit uns macht.

Aber es gibt in der Tat erstaunliche Beobachtungen, Lichtblicke. In Venedig zum Beispiel. Die wenigsten haben das für möglich gehalten: Das Wasser in den Kanälen ist klar. Man kann Fische sehen und Störche. Es ist Ruhe eingekehrt in der Stadt, die in jedem Jahr von 30 Millionen Touristen besucht wird, in deren Hafen riesige Kreuzfahrtschiffe anlegen. In kürzester Zeit hat sich die Natur erholt.

Vor Triest wurden springende Delphine gesichtet. Sie kamen zurück, weil keine großen Schiffe mehr in den Hafen einfahren. In China gibt es deutlich weniger Stickoxide und Feinstaub. Menschen freuen sich beim Blick in den blauen Himmel.

Wir erleben eine Zeit, in der die Welt sich verändert, in der Menschen ins Fragen kommen, in der wir manches, was wir wie selbstverständlich gelebt haben, in Frage stellen. Es ist ruhiger geworden im Lande. Wir werden nachdenklich. Ich bin gespannt, was wir uns im Sommer erzählen werden von unseren Erfahrungen in der Corona-Zeit. Gott segne uns, der gestern war, heute ist und morgen sein wird – bis in Ewigkeit.

21. März 2020 – Mittags um 12

Es ist erstaunlich, wie Menschen kreativ werden in diesen Wochen. Sie lassen sich etwas einfallen, wie sie mit anderen verbunden sein können – im Leben und im Glauben, in den vielen Fragen, die uns bewegen.

Eine Pastorin von Obernkirchen lädt ein zu einer Andacht um 12 Uhr mittags. Wenn die Glocken läuten, dürfen wir für eine kurze Zeit unterbrechen, was wir gerade tun. Still werden, wenn’s gut geht auch im Kopf und im Herzen.

„Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt!“ – Wir können einen inspirierenden Text aus Bibel oder Tradition lesen und beten: Ich will danken, dass….. – Ich denke an …… – Das bewegt mich gerade sehr …. – Hilf mir….. Ich bete für ….. Zum Schluss beten wir das Vaterunser.

Wir sind verbunden mit anderen Menschen, die auch still werden. Genau jetzt. genau so.

20. März 2020 – Frühlingsanfang

Auf keine Zeit freuen wir uns mehr als auf den Frühling. Das erste zarte Grün bricht auf. Solch ein zartes, frisches Grün gibt es das ganze Jahr über nicht wieder. Wir genießen, wenn die ersten Sonnenstrahlen uns berühren, wenn Winterlinge, Krokusse und Narzissen, Tulpen und Forsythien ihre Farbtupfer setzen.

Die Natur beendet ihren Winterschlaf. Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Es ist kaum zu fassen, was die Sonne jetzt alles wachküsst. Wer mag da länger als nötig im Bett bleiben? Sogar der Maulwurf hat’s gemerkt: Es ist Frühling. „Jungs, auf geht’s!“ – Neues Leben nimmt Anlauf. In Äste, die vertrocknet schienen, schießt neues Leben ein. Das erste Grün von Löwenzahn und Bärlauch bereichert den Salat.

Es treibt uns aus dem Haus, verändert Gedanken und Gefühle. Was jetzt in der Natur geschieht, empfinde ich als Hilfe, um etwas zu erstehen, was mein Verstand nicht fassen kann: Auferstehung ist möglich. Denken kann ich das nicht – aber spüren und ahnen.

In mir wächst Hoffnung auf das, was werden kann, obwohl im Moment vieles dagegen spricht. Wenn alles vorbei ist, wenn Corona sich irgendwann verabschiedet, dann wird das Leben wieder aufbrechen. Mein Glaube ist zart und verletzlich, aber der Frühlingsgarten bietet viel Anschauungsunterricht von dem, was sein kann. Und die Vögel singen ihre Lieder dazu.

Halleluja.

19. März 2020 – Geschichten von früher

Es ist Zeit für die Frühlingsblumen auf dem Grab meiner Eltern. „Ach, Mama, sei froh, dass Du Dir keine Sorgen machen musst um das, was gerade die Welt in Atem hält!“

Mama war eine starke Frau. Oft hat sie von früher erzählt. Vom Krieg, vom Bangen um den Mann an der Front. Wir waren arm. Im Haus gab es kein fließendes Wasser, es musste aus dem Brunnen gepumpt werden. Auf dem Hof stand ein Plumpsklo – mit Zeitungspapier (das wir nicht hamstern mussten). Nichts für zarte Gemüter mit einer feinen Nase. Was Mama aus dem eigenen Garten nicht geerntet und später eingekocht hatte, das stand nicht zur Verfügung. Es gab eine Zeit, da war das wenige Geld, das man hatte, nichts mehr wert!

Mama hat erzählt von Solidarität. Einer hat dem anderen geholfen – mit seiner Zeit, seiner Arbeitskraft und seinen Geräten. Allein konnte keiner bestehen. So wurden Häuser gebaut und Felder bestellt. So wurden Kinder betreut und Brote im großen Steinofen gebacken. So wurden Schlachtfeste gefeiert und Kartoffeln gerodet. Ob die Nachbarn sich immer mochten, das weiß ich nicht, aber sie haben zusammengehalten, weil sie einander brauchten.

Ich habe diese Geschichten von früher immer gerne gehört, aber sie waren weit weit weg für mich, wie aus einer anderen Zeit gefallen. Jetzt beginne ich zu verstehen, was die Eltern und Großeltern mitgemacht haben. Und ich verneige mich vor ihrem Mut und ihrer Durchhaltekraft, ihrem Gottvertrauen und Tatendrang. Da war nix mit Komfortzonen und Kreuzfahrten. Ich erinnere mich an ein Zeltwochenende am Steinhuder Meer.

Warum fällt mir das ausgerechnet jetzt ein? Ich bin stolz auf die, die für uns viel geleistet und aufgebaut haben, obwohl die Bedingungen nicht so waren, wie sie es erträumt haben. Von ihnen können wir die Kunst des Improvisieren lernen: Aus dem etwas machen, was uns das Leben zur Verfügung stellt.

18. März 2020 – Balkonmomente

Aus Italien kam die Meldung, Menschen würden ihre Fenster öffnen und auf ihren Balkonen stehen. In Mailand stimmte eine Familie das Lied „Azzuro“ von Adriano Celentano an. Dabei blieben sie nicht lange allein. Andere sangen mit. Im leidgeprüften Italien finden Menschen eine Möglichkeit, miteinander verbunden zu sein, sich Mut zu machen, auf Gott und das Leben zu vertrauen – über die Musik, über Lieder, die das Herz berühren. „Andra tutto bene“. Alles wird gut. Zum Zeichen dafür hängen einige die Abbildung eines Regenbogens auf.

Es ist Abend geworden in Fuhlen an der Weser. Die Pastorin steht auf dem Balkon des Pfarrhauses und singt das Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Einige Gemeindelieder stehen (auf Abstand) dabei und singen mit. „Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.“

Am nächsten Tag in meinem Garten. Ich beschneide die Rosen und räume auf. Die Nachbarin steht auf ihrem Balkon. Nachdem sie ihren alten Schallplattenspieler aktiviert hatte, legt sie den Gefangenenchor aus der Oper Nabucco auf, eines meiner Lieblingslieder, die geheime Nationalhymne Italiens. – Das war ein Gänsehautmoment . Ein Moment, der gut tut in einer Zeit, die voll ist mit Nachrichten, die Angst machen, mit Horrorszenarien….. Später wechselte sie zu Walzern von Johannes Strauß. Dabei lässt sich vortrefflich arbeiten. Es flutschte.

17. März 2020 – Exponentielles Wachstum

Es war einmal ein kluger Höfling, der seinem König ein kostbares Schachbrett schenkte. Der König war über den Zeitvertreib sehr dankbar, weil er sich mit seinen Ministern bei Hofe oft ein wenig langweilte. So sprach er zu seinem Höfling: „Sage mir, wie ich dich zum Dank für dieses wunderschöne Geschenk belohnen kann. Ich werde dir jeden Wunsch erfüllen.“

Nachdenklich rieb der Höfling seine Nase. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Nichts weiter wünsche ich, edler Gebieter, als dass ihr das Schachbrett mit Reis auffüllen möget. Legt ein Reiskorn auf das erste Feld, und dann auf jedes weitere Feld stets die doppelte Anzahl an Körnern. Also zwei auf das zweite, vier auf das dritte, acht auf das vierte und so fort!“ Der König war erstaunt. „Es ehrt dich, lieber Höfling, dass du einen so bescheidenen Wunsch äußerst“, sprach er. „Er möge dir auf der Stelle erfüllt werden.“ Der Höfling lächelte, eine Spur zu breit vielleicht – und verneigte sich tief vor seinem Herrscher.

Sofort traten Diener mit einem Sack Reis herbei und schickten sich an, die Felder auf dem Schachbrett nach den Wünschen des Höflings zu füllen. Bald stellten sie fest, dass ein Sack Reis gar nicht ausreichen würde, und ließen noch mehr Säcke aus den Getreidespeichern holen. Beim 21. Feld waren es schon über eine Million Körner. Und beim 64. Feld stellten die Diener fest, dass es im ganzen Reich des Königs nicht genug Reiskörner gab, um es aufzufüllen. Mit seinem Wunsch wurde der Höfling zum reichsten Mann im ganzen Land, und der König wünschte, er hätte ihm nie etwas geschuldet.

So verbreitet sich das Corona-Virus. Exponentiell. Einer, der angesteckt ist, kann viele andere infizieren. Aus wenig wird viel. Die Kurve rauscht nach oben, in beängstigender Geschwindigkeit. Das Verhalten jedes Einzelnen hat Auswirkungen auf das Leben anderer. Das wollte uns die Kanzlerin wohl vermitteln in ihrer bewegenden Rede. Es kommt auf jeden von uns an, dass wir alles tun, was uns möglich ist. Manchmal fängt es an mit Händewaschen und Abstand halten.

16. März 2020 – Die Welt ins Gebet nehmen

Papst Franziskus verlässt den Vatikan und geht durch die Straßen von Rom. Die Straßen sind leer. Das Land ist erschüttert. So viele Infizierte! So viele Tote! Er besucht zwei Kirchen, um zu beten. Er drückt seine Nähe aus zu den vielen Menschen, die leiden, die Angst haben vor dem Virus, die gestorben sind.

In der Kirche San Marcelli al Corso betet er vor einem alten Kruzifix. Das wurde 1522 durch die Straßen Roms getragen, als die Pest wütete. Die Menschen beteten um ein Ende der Epidemie.

Franziskus betet für die Opfer des Corona-Virus, für ihre Familien und Freunde, dass sie Trost finden mögen und Kraft für die nächsten Schritte. Er betet um Heilung der Kranken, für das Ende der Pandemie, für alle, die pflegen, begleiten, trösten, sich kümmern, Nächstenliebe üben, forschen, dafür sorgen, dass alles weiterläuft….

Ich gehe durch die Nachbarschaft, denke an die Menschen, die hier wohnen, überlege, was sie jetzt am meisten vermissen, wo Not ist und Hilfe gebraucht wird. Wie Franziskus möchte ich die Welt ins Gebet nehmen. Am Abend eine Kerze aufstellen auf der Fensterbank. Beten für die, die mir besonders nahe sind, für Wissenschaftler, dass es ihnen so schnell wie möglich gelingt, wirksame Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Für die Helden des Alltags, in den Supermärkten, bei Feuerwehr und Polizei, in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Und ich bete für uns alle, dass wir unser Herz entdecken, die soziale Ader – und dass uns vieles einfällt, um Menschen nahe zu sein.

15. März 2020 – Das hat es noch nie gegeben

In Krisenzeiten waren die Kirchen immer weit geöffnet. Menschen suchen Trost und Durchhaltekraft, wenn das Leben an Grenzen stößt, wenn sie erschrocken sind. Damals, am 11. September 2001 war das so. Nach dem unbegreiflichen Vorfall am Berliner Breitscheidtplatz 2016. Nach dem Amoklauf in Winnenden 2009. Auch Menschen, die sonst kein enges Verhältnis zur Kirche haben, sind manchmal froh, dass es sie gibt.

Und ausgerechnet jetzt sollen die Kirchen geschlossen bleiben? In dieser Menschheitskrise, der schlimmsten seit dem 2. Weltkrieg? Gerade jetzt nicht spüren, wie gut es ist, wenn wir einander haben, wenn wir miteinander beten, singen, weinen und hoffen können? Keinen Ort für die Angst haben, keinen Segen? Das hat es noch nie gegeben, dass Kirchen geschlossen wurden!

Ausgerechnet jetzt? Ja, um der Liebe willen verzichten wir auf Nähe, nehmen nicht in den Arm, trinken nicht aus einem Kelch. „Wer seinen Nächsten liebt, der bleibt ihm jetzt fern!“ Wir wollen ernst nehmen, was die Virologen sagen. Und gleichzeitig ist Phantasie gefragt. Anrufen. Trost spenden, der jetzt besonders nötig ist. Mut machen. Fragen, wie es geht. Beziehungen vertiefen…..

Eines gilt, eines bleibt: Die Zusage, dass Gott bei uns ist.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Dietrich Bonhoeffer, 1944)

14.3.2020 – Shutdown

Bis vor kurzem war mir das Wort gänzlich unbekannt. „Shutdown“ – herunterfahren. Heute spüre ich, was es bedeutet. Die Landeskirche Hannovers empfiehlt, bis zum 19. April keine Gottesdienste mehr zu feiern. Ist das ernst gemeint? Wir können doch das Osterfest nicht ausfallen lassen!

Der Niedersächsische LandFrauenverband rät mit Dringlichkeit, alle Veranstaltungen bis auf weiteres abzusagen. Das GOP Bad Oeynhausen benachrichtigt per Mail, dass die geplante Abendvorstellung ausfällt. Wir wollten sie mit der Familie genießen, hatten uns lange darauf gefreut. Bis mindestens Anfang Mai ist der gut gefüllte Terminkalender von einem Tag zum anderen leer. Ein seltsames Gefühl.

Abgesagt! Ein Richtfest, das gemeinsame Kaffeetrinken anlässlich einer Beerdigung, ein Abend mit Donna Leon bei der Litcologne, die Erinnerungsfeier im Hospizverein, Treffen mit Freunden…… Abgesagt! Die Fußball-Europameisterschaft, womöglich die Olympischen Spiele in Tokio, Urlaubsreisen, Flüge…. Shutdown.

Eine mir unbekannte Autorin schreibt diesen Text, der bestimmt zum weitergeben gedacht ist:

Nicht alles ist abgesagt. Sonne ist nicht abgesagt. Frühling ist nicht abgesagt. Beziehungen sind nicht abgesagt. Liebe ist nicht abgesagt. Lesen ist nicht abgesagt. Zuwendung ist nicht abgesagt. Musik ist nicht abgesagt. Freundlichkeit ist nicht abgesagt. Gespräche sind nicht abgesagt. Hoffnung ist nicht abgesagt. Beten ist nicht abgesagt.

Ich füge hinzu: eine Fastenkur ist nicht abgesagt, das tägliche Gymnastik-Programm ist nicht abgesagt. Das Genießen von guten Filmen ist nicht abgesagt. Ausgiebige Spaziergänge sind nicht abgesagt. „Ecken sauber machen“ und Entrümpeln ist nicht abgesagt……….