24.12. – Sternstunde der Menschheit

Das Leben ist durchwachsen. Auch am Heiligen Abend. Der Baum steht und ist geschmückt. Kinder und Enkel sind angereist. Alles ist vorbereitet und bedacht. Und dann drängt dich eine Entzündung zum Zahnarzt und du nimmst bei einer bewegenden Trauerfeier Abschied von einem besonderen Menschen und seiner Familie… Und über die Welt hätte Oma gesagt: „Die Menschen werden nicht gescheit!“

Wir feiern am Heiligen Abend eine Zeitenwende. Seitdem gibt es eine Zeit vor Christus und eine Zeit nach Christus. Die Geburt Jesu ist nicht in einem Palast geschehen, sondern in einem Stall. Mit Mist, Kälte und einem unangenehmen Wind, der durch die Ritzen pfeift. Keine Hebamme, kein heißes Wasser, keine keimfreien Tücher, kein APGAR-Test.

Der große Gott kommt in unsere Welt mit ihrem Kummer und Kuddelmuddel, mit ihrer Zerbrechlichkeit – damit wir nie mehr allein sind mit dem, was wir zu schultern haben. Er kommt dahin, wo nicht alles pico bello ist, in Ecken, die nicht aufgeräumt sind. Wir sind getragen, wenn unsere Kraft nicht reicht. – Am Heiligen Abend ist alles viel normaler als wir denken und gleichzeitig ist alles viel größer und geheimnisvoller, als wir ahnen. Diese Sternstunde der Menschheit dürfen wir feiern!

Danke, dass uns der Adventskalender für vier Wochen verbunden hat. Das gemeinsame Sehnen, Suchen und Entdecken tut gut. Bleiben Sie mit Ihren Lieben und unserer Welt behütet!

Mit guten Wünschen für wertvolle Weihnachtstage und einem herzlichen Schalom, Ihre/Eure Heidrun Kuhlmann

23.12. – Der verborgene Schatz

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Ein Bettler, sichtlich bedürftig, sitzt seit vielen Jahren am Straßenrand und bittet um Hilfe. Eines Tages kommt ein Mann vorbei und bleibt vor ihm stehen. „Du, ich habe nichts, was ich dir geben kann. Aber sag mal, worauf sitzt du da eigentlich? Das ist ja eine interessante Kiste!“ – „Ach, das ist ein uraltes Erbstück aus unserer Familie, die kenne ich schon seit meiner Kindheit!“ – „Hast du mal reingeschaut?“ – „Nein, da ist ja nichts drin, die habe ich nur genommen, weil sie ein guter Sitzplatz für mich ist!“ – „Tu mir einen Gefallen und schau mal rein!“ – Sehr umständlich bricht der Bettler die alte Kiste auf und traut seinen Augen nicht. Sie war gefüllt mit Gold.

Eine schöne Geschichte! Zu schön, um wahr zu sein. Aber kann es sein, dass sich womöglich ganz in unserer Nähe, vielleicht sogar in uns drin ein Reichtum, ein Schatz verbirgt, den wir noch gar nicht entdeckt und schon gar nicht angezapft haben? Wir sind womöglich reich, unglaublich reich – und wissen es nicht!

Dieselbe Kraft, die Meere und Sonnen, Schimpansen, Stinktiere und Milchstraßen geschaffen hat, die ist auch heute da. Auch in uns. Wir sind beschenkt mit Weisheit, Talenten, Möglichkeiten und Segen! Wir sind nicht nur Menschen dieser Erde mit allem, was dazu gehört. Wir sind eine, wir sind einer mit Gott! Diese Entdeckung wäre das größte Geschenk, das wir uns wünschen können.

22.12. – Joy to the world. Freue dich, Welt

Noch zwei Tage bis zum Heiligen Abend! Damit verbunden ist tief in uns drin der Traum von einer besseren Welt. Alles soll schön harmonisch sein, wenn wir zusammenkommen. Wenigstens zu Weihnachten müsste es doch möglich sein, dass Frieden ist, die Waffen schweigen und Konflikte ruhen. Mal gute Nachrichten zum Fest, das wäre schön!

Wir wünschen einander „frohe Weihnachten“. Wie klingt das für den, der traurig, einsam oder krank ist, der jemanden vermisst, dem das vergangene Jahr viel zugemutet hat? Es ist nicht alles gut und froh zu Weihnachten! Keine heile Welt! Wir sind dünnhäutiger als sonst.

„Freuet euch!“ heißt es am 4. Advent. Wie passt das zusammen in der Welt und in mir? Ich kann ständig auf das sehen, was im Argen liegt. Ich kann aber auch auf das sehen, was möglich wäre, wenn Frieden und Liebe einziehen in unseren Herzen und Häusern!

Das große Ganze kann ich nicht verändern, aber ich kann das Kleine versuchen. Ein kleines Licht ins Dunkle bringen. Lesen und Hören, was die Gedanken und Gefühle ins Weite führt. Nicht allein bleiben mit dem, was gerade zu schwer für mich ist, bloß nicht allein bleiben! Gott ist da, auch wenn ich ihn gerade nicht spüre. So, wie die Sonne immer da ist, auch wenn ich sie nicht sehe.

21. 12. – Schlüssel-Erlebnisse

Schlüssel sind wichtig: Für das Auto und das Fahrradschloss, für die Haustür und die Werkstatt im Garten, für den Aufsitzmäher und den Seminarraum der Hospizgruppe, für das Schließfach und die „Offene Kirche“ ….. Wie oft bin ich schon in Panik geraten, wenn ich einen Schlüssel nicht finden konnte. Du hast keinen Zugang zu dem, was existentiell wichtig und wertvoll ist!

Einen Zugang finden, das möchten wir auch zu Menschen, die uns nahe und wichtig sind. Einen Zugang finden zu dem, was richtig ist, wenn es um Entscheidungen geht, die wir treffen müssen. Einen Zugang finden zu dem, was Körper und Geist, was dem Miteinander gut tut. Die Ratgeber-Literatur wird immer umfangreicher und gefragter. – Wir suchen Schlüssel zum Umgang mit den großen Fragen des Lebens, für das, was in der Welt geschieht.

Wenn wir Weihnachten feiern, dann feiern wir etwas ganz Großes: Wir feiern die Geburt dessen, von dem gesagt wird, dass er der Schlüssel zum Leben ist. Durch ihn haben wir Zugang zu dem, was unsere Sehnsucht sucht: Liebe, Frieden, Freiheit, Gnade, Licht ….. Eine Schlüssel-Geschichte ist für meinen Glauben sehr wichtig geworden und macht mich immer wieder fröhlich: Die Geschichte vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel (und seiner Frau). Der Hase mit seinen schnellen Beinen ist sich sicher, als erster ins Ziel zu laufen. Aber so schnell er auch ist, der Igel (oder seine Frau) winkt ihm vom Ziel entgegen und ruft: „Ick bün all dor!“

Egal, was war, was ist und was kommen wird: Gott ist längst da. Er ist unserem Denken und unseren Bedenken eine Ewigkeit voraus.

20.12. – Nervenkekse

Hildegard von Bingen (1098 -1179) war eine für ihre Zeit ungewöhnlich gebildete Frau. Als Äbtissin des Benediktinerklosters Rupertsberg in Bingen (am Rhein) konnte sie lesen und schreiben. Sie studierte die Kirchenväter und die Bibel – und die damaligen medizinischen Klassiker. Sie schrieb naturwissenschaftliche Bücher, komponierte Lieder und ging immer wieder auf Reisen, um in den Städten sowohl dem Klerus als auch dem Volk zu predigen. Hildegard ging es um die Kunst eines umfassend gesunden Lebens, im Einklang mit der Schöpfung, in Ehrfurcht vor dem Leben.

Zu ihren berühmten „Nervenkeksen“ schrieb sie: „Iss diese oft und alle Bitterkeit deines Herzens und deiner Gedanken weitet sich. Dein Denken wird froh, deine Sinne rein. Alle schadhaften Säfte werden minderer, es gibt guten Saft im Blut und macht dich stark!“

Na denn: So kurz vor dem Weihnachtsfest wünschen sich bestimmt viele von uns die heilsamen Wirkungen der Nervenkekse:

250 g Dinkelvollkornmehl, 125 g Butter, 80 g brauner Zucker, 1 Ei, 1 Prise Salz, 60 g gemahlene Mandeln, 1 Messerspitze Galgant, 1/2 TL Muskat, 1/2 TL Nelken, 1/2 TL Zimt, 2 – 4 EL Wasser, 1 Messerspitze Backpulver.

Alle Zutaten zu einem Teig verarbeiten. Den Teig für eine Weile in den Kühlschrank stellen. Den Teig ausrollen und mit Förmchen ausstechen. 10 Minuten bei 200 Grad in den Backofen.

19.12. – Unter einem guten Stern

Als die Kinder und die Enkel klein waren, haben wir am Bett das Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ gesungen. Wer weiß das schon? 200 bis 300 Milliarden soll es in unserer Milchstraße geben, 70 Trilliarden im Universum. In ihrem Inneren sind sie so heiß, dass sie glühen – und wir sie auf der Erde sehen können.

An manchen Abenden sitzen wir jetzt im Advent unter dem Herrnhuter Stern. Das Licht und die Kraft des Himmels können wir gut gebrauchen, überall und immer! Könnten wir die Welt aushalten ohne Hoffnungslichter? Leonardo da Vinci hat gesagt: „Binde deinen Karren an einen Stern!“ Das ist eine großartige Idee, lieber Leonardo, du weißt sicherlich, wie schwer unser Karren an manchen Tagen zu ziehen ist, was da alles zusammenkommt.

Manchmal erzählt jemand von Licht-Momenten unter einem guten Stern. Ein Mann schwärmt von seinen Freundschaften. Je älter er wird, desto mehr bedeuten ihm die wirklich guten Freunde im Leben, mit denen er gelacht und geweint, gefeiert und gebangt hat.

Eine Frau erzählt von einem Menschen, der ihr zum Engel geworden ist, der wie durch ein Wunder das Zimmer betrat, als sie nicht mehr aus noch ein wusste. „Dich hat der Himmel geschickt“. So hat sie das empfunden!

Leben unter einem guten Stern! Ich wünsche uns, dass dies nicht nur ein schöner Gedanke bleibt, sondern dass wir spüren, welche Kraft darin liegt.

18.12. – Etwas Warmes braucht der Mensch

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Der Spruch stammt aus der Suppen-Werbung. Viele Menschen hat er angesprochen, hat etwas angerührt, das weit über das Essen hinausgeht. Jetzt, im Winter, wenn es draußen kalt und ungemütlich ist, dann freuen wir uns auf eine kuschelige Decke, einen Platz am warmen Ofen, einen Apfelpunsch oder Glühwein, einen beheizten Autositz. Wärme tut gut. Wir haben es viele Male am eigenen Leib gespürt.

Wenn jemand sagt: „Mir ist kalt!“, dann hat das nicht immer etwas mit niedrigen Temperaturen zu tun. Manches kann uns auch innerlich frieren lassen. Eine Bekannte hatte einige Wochen lang ihre kranke Mutter gepflegt. In dieser Zeit hatte sie fast jeden Abend das Bedürfnis, in die warme Badewanne zu steigen. Sie sehnte sich nach Wärme, Geborgenheit und Entspannung. Was sie Tag für Tag leisten musste, ging über ihre inneren Kräfte.

„Mir ist kalt!“ – In unserer Gesellschaft breitet sich eine „soziale Kälte“ aus. Es fehlen Menschlichkeit und Herzenswärme. Mit manchen Menschen werden wir nicht warm.

Unser Ofen im Wohnzimmer ist ein Ort, von dem viel Wärme ausgeht. Ich liebe ihn. Manchmal wünschte ich mir mehr „wandelnde Kachelöfen“ in unserer Welt: Menschen, in deren Nähe wir auftauen und uns verstanden fühlen. Gerade jetzt, im Advent!

17.12. – offen oder verschlossen?

Beim Blick auf die beiden Fenster in Bregenz frage ich mich: Welcher Typ Mensch bist du wohl, der offene oder der verschlossene? Mal der eine, mal der andere?

Ich setze mich gerne zu Menschen, die ich nicht kenne und freue mich über ihre Geschichten und Erfahrungen, über ihre Sicht aufs Leben. Ich bin offen für jene, die anders denken als ich. – Gleichzeitig kann ich gut nachvollziehen, wenn jemand lieber allein bleiben möchte mit seinen Gedanken und Gefühlen, wenn er sich zurückzieht in sich selbst, weil er verbittert, enttäuscht oder ängstlich ist.

Mit einem Taxifahrer aus Afghanistan ergibt sich in 15 Minuten ein intensives Gespräch über Gott und die Welt. Als Christin besuche ich eine Synagoge und eine Moschee, um etwas über den Glauben der Juden und des Islam zu hören. Im Austausch mit denen, die anders denken und leben als ich, finde ich meistens auch das, was uns verbindet, einen gemeinsamen Nenner. Immer wieder bereichern mich Biografien von Menschen, die einen völlig anderen Lebenshintergrund haben als den mir bekannten.

„Das haben wir schon immer so gemacht!“, sagten wir bei uns zu Hause und im Dorf. Heute weiß ich: Veränderungen gehören zum Leben. Früher war nicht alles besser. Alles hat seine Zeit – und wenn es gut geht, haben uns die gesammelten Erfahrungen klüger gemacht. Mit 70 siehst du manches anders als mit 40! Und gleichzeitig ist da das Unerschütterliche, das Ewige, das zu allen Zeiten fest steht, während vieles wackelt in der großen und unserer kleinen Welt

Die beiden Fenstern in Bregenz passen sehr gut zu einem der schönsten Adventslieder: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“.

16.12. – Weniger Inhalt

Bei den Weihnachtseinkäufen werden wir daran erinnert: In manchen Packungen ist seit einiger Zeit weniger Inhalt zum gleichen Preis. Das betrifft Haferflocken, Nüsse, Margarine, Schokolade, Müsliriegel, Geschirrspültabs, Gummibärchen …. Dafür hat man das Wort „Shrinkflation“ erfunden. Der Inhalt ist geschrumpft, die Verpackung bleibt gleich!

Wenn ich abends mit dem Auto unterwegs bin, komme ich an vielen illuminierten Häusern und Grundstücken vorbei, die dem Advent einen besonderen Glanz verleihen. Licht in einer Zeit, in der die Nächte am längsten sind und in dieser Welt vieles aus den Fugen geraten ist. Es gibt einen riesigen Markt, der den Advent begleitet, der Menschen Freude schenken möchte und natürlich nicht unerhebliche Gewinne einfährt.

Manchmal frage ich mich, ob bei aller Dekoration, bei allen Angeboten und Geschenken der Advent womöglich weniger Inhalt hat als früher: Menschen, die füreinander da sind und miteinander leben – die spüren, wie sehr wir einander brauchen. Menschen, die Kummer haben und überfordert sind – und dabei nicht allein bleiben, sondern Gott in ihr Leben bitten. Menschen, in denen etwas aufleuchtet von dem, was in ihnen schlummert, bei denen Frieden, Weisheit, Freiheit, Hoffnung und ein neuer Geist einziehen.

„Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde!“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 18)

15.12. – Es muss feste Bräuche geben

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In der Geschichte vom „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint Exupéry heißt es: „Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen“, sagte der Fuchs. „Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll …. Es muss feste Bräuche geben.“

Es muss feste Bräuche geben! Der Adventskranz, jedes Jahr mit roten Kerzen und Schleifen. Der Herrnhuter Stern auf der Terrasse. Die hölzernen Sterne und der Engel vor der Haustür. Jeden Morgen ein Lied und ein Text aus dem Kalender vom „Anderen Advent“. Der Mistelzweig und der Besuch des Hamelner Weihnachtsmarktes. Die Schnur im Wohnzimmer, auf der die Weihnachtspost gesammelt wird. Das Aussuchen des Weihnachtsbaumes. Der Gottesdienst, von LandFrauen gestaltet. Das Konzert mit Posaunenchor und Kirchenband. Das Treffen mit einigen Freundinnen zu Punsch und Plaudern.

Es muss feste Bräuche geben. Gerade im Advent! Der Kopf will immer das Neue, aber unser Herz sucht das Vertraute!