Der Tisch ist gedeckt

Das war neu. Gründonnerstag zu Hause und zu zweit! Vom Michaeliskloster in Hildesheim gab es einen Entwurf für die Gestaltung eines solchen Abends in Corona-Zeiten!

„Gott, wir sind hier – du bist hier. Mehr braucht es nicht. In Glauben, Gedanken und Gebet sind wir mit dir verbunden, sind wir mit so vielen verbunden, die wir kennen. Mancher fehlt uns gerade jetzt besonders. Sei du bei uns allen und lass uns deine Nähe spüren.“

Der Tisch ist festlich gedeckt, mit Blumen und dem guten Geschirr, mit einer Kerze und dem besten Rotwein, der im Keller lagerte. Mit Käse und Brot.

Wir erinnern uns an den Abend, an dem Jesus mit seinen 12 Jüngern zum letzten Mal an einem Tisch gesessen und gegessen hat. – Er nahm das Brot, dankte Gott, brach es in Stücke und gab es seinen Jüngern: „Nehmt und esst! Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird!“ Dann nahm er den Kelch mit dem Wein. Er dankte Gott, gab ihn seinen Jüngern und sagte: „Trinkt alle daraus. Das ist der Kelch des Heils! – Solches tut zu meinem Gedächtnis!“

Das war neu: Mein Mann und ich geben uns Wein und Brot. Und Gott ist spürbar nahe, im Wohnzimmer, am Tisch, bei uns Zuhause!

Der Tisch ist gedeckt – für alle, sogar für Judas! Egal, wer wir sind und was wir mitbringen an Geschichten, an Dramen und Kuddelmuddel, an Sehnsucht nach Freiheit, Frieden, Gnade und Liebe. Der Tisch ist gedeckt – für alle! Für die Kinder und Enkel in der Ferne. Für Menschen, die uns nahe sind hier und dort!

Wir beten, singen und sprechen gemeinsam den Segen. Ungewohnt ist das, eine Premiere, aber am Ende sagen wir: „Es wäre schön, wenn wir das öfter mal genießen würden! Das hat sehr gut getan!“

(Wir danken Marianne Gorka und Birgit Mattausch, den Referentinnen für Gottesdienst im Michaeliskloster, für die Vorlage und Inspiration zu unserem kleinen Gottesdienst.)

Mensch, wo hast du denn bloß deine Augen?

Einen herzlichen Dank an Lektorin Irmtraud Brendel aus der St. Nikolai – Gemeinde in Rinteln. Sie hat eine sehr ansprechende Andacht zum Sonntag Okuli gestaltet und lässt uns auf diesem Wege daran teilhaben.

„Mensch, wo hast du denn bloß deine Augen?“, fragte mich mein Mann. Wir gingen durch den Garten und ich sah nach oben, weil ich einen Vogel singen hörte und wissen wollte, wo er saß. Dabei stolperte ich über einen Ast und konnte mich gerade noch am Arm meines Mannes festhalten. Er war darüber so erschrocken, dass er ausrief: „Mensch, wo hast du denn bloß deine Augen?“ Alles war noch mal gutgegangen. Den Vogel habe ich dann nicht mehr gesehen, nur noch ab und zu gehört, aber ich guckte jetzt ja auch wieder auf den Weg und achtete auf die Stolperfallen.

„Okuli“, heißt dieser Sonntag. „Augen“ heißt das übersetzt. Im Psalm 25 steht: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ (Psalm 25,15). Bei allem, was ich tue, was ich sage, was ich denke, habe ich immer Gott im Blick und vor Augen, so verstehe ich das. Denn dann, so meint dieser Psalm, hast du ein gutes Ziel vor Augen. Das wird dir helfen, wenn du in deinem Leben stolperst oder dich verläufst. Und dann hast du auch jemanden an deiner Seite, der dich auffängt, wenn du zu fallen drohst. Das passiert ja nicht nur bei Spaziergängen, sondern in jedem Leben.

Wo siehst du hin? Woran orientierst du dich in deinem Leben? Was bestimmt deinen Weg?

Die Corona-Pandemie hat ja indirekt auch manches Gute. Zum einen sehen wir nun klar, dass wir Menschen miteinander verbunden sind. Das, was in Wuhan in China passierte, hat Auswirkungen auf die ganze Welt. Wir sind als Menschheit ganz eng miteinander verwoben, gerade auch in dieser schweren Zeit.

Zum anderen zeigt sich: Unser Leben läuft nicht mehr so hektisch wie früher. Ich weiß, viele sehnen sich nach dem normalen Leben zurück. Das tue ich auch. Und doch ist diese Zeit eine Chance, um verstärkt zu fragen: Woran will ich mich orientieren?

Es ist natürlich möglich, wenn denn die Pandemie vorbei ist, wieder zum alten Lebensstil zurückzukehren. Aber ich glaube, das ist nicht gut. Nicht gut für die Schöpfung, die Gott uns anvertraut. Nicht gut für die Menschen, mit denen wir weltweit verbunden sind. Nicht gut für die Menschen, die nach uns kommen werden.

Es ist eben nicht einerlei, woran ich mein Leben orientiere. Es hat immer Auswirkungen auf mich und andere. Und es zeigt sich daran, wie wir miteinander umgehen.

Ihr seid Gottes geliebte Kinder! So steht es im Brief an die Epheser… Und als seine Kinder sollen wir Gott und seine Liebe ständig im Blick haben. Es ist wichtig, wenn wir uns in der Kirche „Schwestern und Brüder“ nennen. Denn so hat Jesus es gesagt: Wer Gottes Willen tut, der ist ihm Bruder und Schwester. (Markus 3, 31-35) …

Weil Gott anders mit uns umgeht, liebevoll nämlich, sollen wir es eben auch tun. Die Menschen sollen Christen als Boten seiner Liebe erleben. Sie sollen spüren: Hier herrscht ein anderer Geist als in der Welt. Hier ist Gottes Geist zu spüren. Das, liebe Schwestern und Brüder, ist unsere Aufgabe. Und die ist nicht leicht.

In diesen Wochen der Passionszeit denken wir besonders an das Leiden Jesu. Jesus zeigt uns, wie tief Gottes Liebe reicht. Sie gibt ihm Kraft, durch Verrat, Einsamkeit und Tod zu gehen. Aber der Tod ist nicht das Ende. Am Ende steht der neue Anfang, steht Ostern, steht die Auferstehung Jesu. Seit Ostern sehen wir das Licht Gottes, das in die Welt scheint. Es macht sogar die finsterste Finsternis des Todes hell.

„Mensch, wo hast du denn bloß deine Augen?“ Die Frage meines Mannes nehme ich als Anfrage an uns. Wo sehen wir hin? Woran orientieren wir uns in unserem Leben?

Dieser Sonntag lädt uns ein, auf Gottes Liebe zu sehen. Damit wir es gut haben und eben nicht stolpern.

Was ist uns gelungen?

Eine Geschichte von Saat und Ernte hat Pastorin Sabine Schiermeyer in der St. Nikolai – Kirche in Rinteln erzählt. Ich freue mich sehr, dass ich sie an dieser Stelle weitergeben darf, denn sie hat mich sehr berührt:

Eines Tages, und diese Tage werden häufiger, je älter wir werden, fragen wir uns, was uns eigentlich gelungen ist im Leben. Wir haben so viele Möglichkeiten, wir sind frei, uns Dinge vorzunehmen oder auch zu lassen, wir sind frei, innezuhalten und zu fragen: Und – hast du ausgeschöpft, was dir das Leben anbot?

Jesus erzählt vom Sämann. Nur die Älteren kennen heute noch das Bild des Bauern, der langsam die Ackerfurchen abschreitet und mit geübter Hand das kostbare Saatgut auswirft. Alles soll auf guten Boden fallen. Jesu Sämann aber sät schlecht. Zu viele der kostbaren Samen werden auf dem Weg aufgepickt, verdorren auf dem Fels, gehen ein unter Disteln. Aber Jesus gibt ja auch keine Anleitung zu erfolgreichem Ackerbau. Sein Sämann wird durchscheinend für Gott – und für unsere Erfahrungen auf dem Acker der Welt. Wie verschwenderisch streut die Natur in Tier- und Pflanzenwelt Nachkommen und Samen aus – und nur wenige kommen durch. Aber das wenige reicht, damit das Leben siegt. Gott sortiert nicht aus, er rechnet mit Fehlern, Scheitern, erstickendem Unkraut über Lebensmöglichkeiten. Leben ist immer auch Versagen. Es geht nicht alles gut. Wir leben auch mit den Ruinen unserer Vergangenheit. Und können trotzdem zufrieden sein mit dem, was uns gelingt.

Ich höre Jesu Gleichnis zuerst als einen kostbaren Appell an meine Generation. Um die 50 herum erreichen Menschen den Tiefpunkt ihrer Lebenszufriedenheit. In allen Kulturen, unabhängig von Geld oder Status oder Bildung, ist das so. Junge Menschen sind optimistisch, dass sie ihre Lebensziele erreichen. Einen guten Beruf, eine glückliche Familie, eine schöne Wohnung, tolle Reisen …. Und obwohl manches Ziel viel zu hoch gesteckt ist, verlockt es sie, das Leben anzupacken. Und irgendwann summieren sich neben Erfolgen auch die Niederlagen. Menschen merken plötzlich: Ich werde kein Haus mehr bauen. Ich werde nie ein Buch schreiben und nicht auf Weltreise gehen. Die eigene Ehe ist nicht so glücklich wie erhofft. Das Kind ist vielleicht weit weggezogen, um möglichst viel Raum zwischen sich und die Eltern zu bringen. Wir sind so auf Erfolg getrimmt, dass wir es kaum aushalten, unsere Niederlagen anzusehen. Das Unglück klopft an die Tür. Und Jesus sagt: Ein Teil fällt auf guten Boden. Die Körner gehen auf und bringen hundertfachen Ertrag.

Es kommt die Zeit, einfach durch das Älterwerden und die erlebten Enttäuschungen, da erwarten wir nicht mehr so viel. Plötzlich fällt unser Blick auf die Halme, die gewachsen sind. Sie wiegen sich im Wind und zeigen uns in ihren Ähren Hunderte Körner. Der Grauschleier vor unseren Augen versinkt, wir schauen uns in unserem Leben um und sind ganz zufrieden. Hundertprozentiger Ertrag? Ach, ein Viertel Erfolg ist doch auch ganz schön. Wenn Gott es aushält, dass sein Wort und sein Tun nur zu einem Viertel erfolgreich sind – warum sollten wir es nicht auch können und gelassen die Früchte dessen genießen, was uns gelungen und geschenkt ist? Wir sind nicht unsere eigenen Richter. Und auch nicht die Richter anderer. Wir werden bis zu unserem letzten Atemzug nicht die sein, die wir hätten sein können. Gott hält das aus.

Einmal werden wir ihm unser Leben in all seiner Bruchstückhaftigkeit hinhalten. Darauf hoffen, dass er heilt und fertig macht, was uns misslungen ist. Und glauben, dass die Frucht reicht, die aufgegangen ist.

Frauen-Freundschaft

Seit 50 Jahren waren sie befreundet. Bei einem Kaffeeklatsch hatten sie sich gefunden und schnell gemerkt, dass sie zueinander passen! Mit den Jahren waren sie immer mehr zusammengewachsen. Sie haben gefeiert und gemeinsam an Gräbern gestanden. Sie haben auf Reisen viel Schönes erlebt und gemeinsam schwierige Lebensphasen durchgestanden. Die Freundschaft ist den Frauen ein Leben lang Rückhalt gewesen. – Vor einigen Jahren sind diese besonderen Freundinnen in einem Gottesdienst gesegnet worden! Das war bewegend! Eine haben, die zuhören kann und nicht weitererzählt, was du ihr anvertraut hast. Eine haben, die spürt, wie es dir geht – auch ohne Worte. Eine haben, die dich aushält – auch jenseits deiner Schokoladenseiten – das ist ein Geschenk.

Eine der schönsten Freundschaftsgeschichten der Welt steht im Buch Rut in der Bibel. Noomi verlässt mit ihrer Familie die Heimat. Sie ziehen ins nicht sehr beliebte Ausland. Schweren Herzens, aber in der Heimat gibt es seit langem kaum etwas zu essen. Die beiden Söhne heiraten einheimische Frauen. Frauen mit einer anderen Kultur und einem anderen Glauben. Das war damals ein Unding! – Was war das für eine Aufregung, als jemand aus unserer Familie Anfang der 60er Jahre eine Katholikin geheiratet hat. Noomi erlebt eine Tragödie. Zuerst stirbt ihr Mann und einige Jahre später sterben ihre beiden Söhne. Bitterer kann es eine Frau kaum treffen. Mutterseelenallein, ohne Versorger, ohne Netzwerk, im Ausland. Damals hatte eine Frau in der Situation kaum eine Chance.

Sie möchte wieder zurück in die alte Heimat. Bloß weg aus diesem fremden Land, in dem sie alles verloren hat. – Und jetzt? Eine der Schwiegertöchter, die Rut, möchte sie begleiten. Das schlimme Schicksal hat die beiden Frauen eng miteinander verbunden. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!“

Wir gehören zusammen, in aller Unterschiedlichkeit von Glauben, Herkunft, Status, Bildung und Alter! Wir gehören zusammen! – Das Buch Rut erzählt die berührende Geschichte einer Frauen-Freundschaft, die über Grenzen reicht! Hoffentlich finden wir eine Rut – und können selbst für andere ein Freundschaftsmensch sein.

Bilder der Weihnacht

Dieses Bild möchte ich von Weihnachten mitnehmen in das neue Jahr. Es zeigt die Krippe am Heiligabend in Fuhlen.

Ein kleines, flackerndes Licht! In Gedanken setze ich mich dazu und vertraue Gott die Welt an, mit den vielen Orten, an denen es düster ist! – „Du weißt doch, was los ist, wo Licht, Liebe und Frieden fehlen“.

In Gedanken setze ich mich dazu und denke an die Menschen, die meinem Herzen nahe sind. Dieser oder jene fällt mir ein, der es im Moment besonders schwer hat. Der „Licht-Ort“ tut gut. Hier werden Probleme und Kummer nicht weggezaubert, es löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf. – Aber da ist ein Licht, das etwas verändert in mir. Da ist eine Hoffnung, die über die Hoffnung dieser Welt hinausreicht! Der einst sagte „Es werde Licht“, der kommt, um seinen Menschen nahe zu sein.

Diese kleine Licht nehme ich mit in das neue Jahr, in alle Tage und Nächte, in alles Jubeln und Loslassen, in alles Feiern und Kämpfen. Als Trost und Orientierung.

Funktionieren ist zu wenig

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter…

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott….

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (1090-1153)

Hoffnung pflanzen

Ihr Garten ist ein Paradies! Mittendrin die „Aue“. Obstbäume, Grünkohl, Feldsalat, ein Gewächshaus wie aus Rosamunde Pilcher-Filmen, Zieräpfel, Kastanien, Himbeeren, ein riesiger Kohlkopf, Stauden, reich bepflanzte Sandsteintröge – ein Träumchen! Da steckt ganz viel Liebe drin. Von der Schweizer Minze auf dem Kräuterbeet darf ich mir etwas mitnehmen.

Als wir bei Kaffee und Apfeltaschen zusammensitzen, haben wir eine berührende Idee. Wir möchten in diesem Jahr Krokuszwiebeln auf das Grab unserer Lieben pflanzen. Je länger wir darüber sprechen, desto mehr begeistert uns dieser Gedanke. Im März 2021 werden bunte Krokusse den Weg in die Sonne finden und unser Herz erfreuen. Sie werden uns daran erinnern, dass neues Leben erwachen kann, auch hier.

Hoffnung pflanzen! Danke, dass solche Gespräche möglich sind, dass es Menschen gibt, mit denen wir „Gottesmomente“ teilen können.

Der Regenbogen

Als Noah die Arche verlassen und wieder Boden unter den Füßen hatte, baute er einen Altar und dankte Gott für alle Bewahrung. Und Gott bereute, dass er mit der großen Flut so viel Leben vernichtet hatte.

Er versprach: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“

Die Menschen werden sich nicht ändern, so sagt es die Geschichte vom Noah. Ihnen ist einiges zuzutrauen. Nächstenliebe, Demokratie, Verantwortungsgefühl und Ehrfurcht vor dem Leben verlieren an Bedeutung. Auch 2020 gibt es Kriege, Kräche, Katastrophen, im Öffentlichen und Privaten. Wozu der Mensch in der Lage ist, hören wir Tag für Tag in den Nachrichten.

Die Menschen werden sich nicht ändern. Aber Gott hat sich geändert. „Er bereute, was er getan hatte“.

Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. Der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und allem, was lebt!“

Obwohl wir schon viele Regenbogen gesehen haben, sind wir jedes Mal berührt von diesem herrlichen Schauspiel der Natur. Der Starkregen und das heftige Gewitter sind überstanden. Die Sonne scheint wieder!

Der Regenbogen ist ein wunderbares Bild. Ein Zeichen am Himmel. Ein Zeichen vom Himmel, das Mut macht. Bis heute hat er nichts von seiner Faszination verloren. Als würde Gott mit seinem Bogen sagen: „Bei mir bist du gut aufgehoben mit deinen Geschichten, mit deiner Angst, dem Nachlassen der Kräfte und deinem Kuddelmuddel. In Zeit und Ewigkeit. Da ist noch mehr. Da ist noch so viel mehr, als du denken und verstehen kannst.

Der Regenbogen ist ein starkes Symbol. Gott meint es gut mit uns – trotz allem, was war und ist. So voller Hoffnung, voller Trost und Geborgenheit kann das Leben sein – mit Gott an unserer Seite.

Glauben

Präses Annette Kurschus:

„Es ist ja nicht so, dass der Glaube immer schon Vertrauen und Gewissheit und kluge Antworten bei sich hätte.

Im Gegenteil: Gerade der Glaube ist oft ein wackeliges Unterwegssein, ein zweifelndes Suchen.

Er bleibt angewiesen auf die Quelle, die er nicht selbst zum Sprudeln bringt. Er braucht immer neu einen Tisch, den er nicht selbst gedeckt hat.“

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus dem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt war.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlicher wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott!

Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Seite 242