Funktionieren ist zu wenig

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter…

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott….

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux (1090-1153)

Hoffnung pflanzen

Ihr Garten ist ein Paradies! Mittendrin die „Aue“. Obstbäume, Grünkohl, Feldsalat, ein Gewächshaus wie aus Rosamunde Pilcher-Filmen, Zieräpfel, Kastanien, Himbeeren, ein riesiger Kohlkopf, Stauden, reich bepflanzte Sandsteintröge – ein Träumchen! Da steckt ganz viel Liebe drin. Von der Schweizer Minze auf dem Kräuterbeet darf ich mir etwas mitnehmen.

Als wir bei Kaffee und Apfeltaschen zusammensitzen, haben wir eine berührende Idee. Wir möchten in diesem Jahr Krokuszwiebeln auf das Grab unserer Lieben pflanzen. Je länger wir darüber sprechen, desto mehr begeistert uns dieser Gedanke. Im März 2021 werden bunte Krokusse den Weg in die Sonne finden und unser Herz erfreuen. Sie werden uns daran erinnern, dass neues Leben erwachen kann, auch hier.

Hoffnung pflanzen! Danke, dass solche Gespräche möglich sind, dass es Menschen gibt, mit denen wir „Gottesmomente“ teilen können.

Der Regenbogen

Als Noah die Arche verlassen und wieder Boden unter den Füßen hatte, baute er einen Altar und dankte Gott für alle Bewahrung. Und Gott bereute, dass er mit der großen Flut so viel Leben vernichtet hatte.

Er versprach: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“

Die Menschen werden sich nicht ändern, so sagt es die Geschichte vom Noah. Ihnen ist einiges zuzutrauen. Nächstenliebe, Demokratie, Verantwortungsgefühl und Ehrfurcht vor dem Leben verlieren an Bedeutung. Auch 2020 gibt es Kriege, Kräche, Katastrophen, im Öffentlichen und Privaten. Wozu der Mensch in der Lage ist, hören wir Tag für Tag in den Nachrichten.

Die Menschen werden sich nicht ändern. Aber Gott hat sich geändert. „Er bereute, was er getan hatte“.

Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken. Der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und allem, was lebt!“

Obwohl wir schon viele Regenbogen gesehen haben, sind wir jedes Mal berührt von diesem herrlichen Schauspiel der Natur. Der Starkregen und das heftige Gewitter sind überstanden. Die Sonne scheint wieder!

Der Regenbogen ist ein wunderbares Bild. Ein Zeichen am Himmel. Ein Zeichen vom Himmel, das Mut macht. Bis heute hat er nichts von seiner Faszination verloren. Als würde Gott mit seinem Bogen sagen: „Bei mir bist du gut aufgehoben mit deinen Geschichten, mit deiner Angst, dem Nachlassen der Kräfte und deinem Kuddelmuddel. In Zeit und Ewigkeit. Da ist noch mehr. Da ist noch so viel mehr, als du denken und verstehen kannst.

Der Regenbogen ist ein starkes Symbol. Gott meint es gut mit uns – trotz allem, was war und ist. So voller Hoffnung, voller Trost und Geborgenheit kann das Leben sein – mit Gott an unserer Seite.

Glauben

Präses Annette Kurschus:

„Es ist ja nicht so, dass der Glaube immer schon Vertrauen und Gewissheit und kluge Antworten bei sich hätte.

Im Gegenteil: Gerade der Glaube ist oft ein wackeliges Unterwegssein, ein zweifelndes Suchen.

Er bleibt angewiesen auf die Quelle, die er nicht selbst zum Sprudeln bringt. Er braucht immer neu einen Tisch, den er nicht selbst gedeckt hat.“

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus dem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt war.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlicher wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott!

Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Seite 242

Mist

Das Pferd macht im Stall den Mist, und wiewohl der Mist Unflat und Gestank in sich hat, zieht dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Anstrengung auf das Feld, und daraus wächst edler, schöner Weizen und der edle, süße Wein, der nirgends so wachsen würde, wäre der Mist nicht da.

Ebenso trag deinen Mist – das sind deine eigenen Schwächen, mit denen du nicht fertig werden, die du nicht ablegen und überwinden kannst – mit Anstrengung und Fleiß auf den Acker des liebevollen Gottes und breite den Mist auf das edle Feld: ohne Zweifel wächst daraus in demütiger Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht.

Johannes Tauler

Wo Himmel und Erde sich berühren

Es waren zwei Mönche, die lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt fordert, und alle Versuchungen, die einen Menschen von seinem Ziel abbringen können.

Eine Tür sei dort, so hatten sie gelesen, man brauche nur anzuklopfen und befinde sich bei Gott. Schließlich fanden sie, was sie suchten, sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle.

Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.

Verfasser unbekannt

Wer eine ähnliche Geschichte für Kinder sucht: „O wie schön ist Panama“ von Janosch

Trost

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Seite 22f

Einstimmen

Bevor das Orchester den ersten Ton spielt, werden die Instrumente gestimmt. Auf den Kammerton a. Piccoloflöten und Harfen, Trompeten und Kontrabass brauchen den gleichen Ausgangston für einen harmonischen Zusammenklang.

Wir brauchen wohl auch so ein Einstimmen auf den Ausgangston allen Lebens, dass wir uns einschwingen in den großen Fluss allen Seins, in eine Gelassenheit, die nur möglich ist, wenn wir zulassen und loslassen können, in das Wissen, dass wir geliebt sind.

Jeden Morgen, vor allem Planen, vor allen Nachrichten, bevor ich mit dem Tagespensum loslege, möchte ich mich einstimmen auf das große Ganze. Auf den Gott, der uns gut macht durch seine Güte, stark durch seine Stärke, schöpferisch durch seine Schöpferkraft und weise durch seine Weisheit. Und wenn wir scheitern, sind wir aufgefangen in seiner Gnade.

Das ist gut zu wissen für den Tag. Dann ist auf jeden Fall weniger Druck Angst, weniger Kakophonie.

Jeden Morgen singen mein Mann und ich ein Lied: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ (Evangelischen. Gesangbuch 449, Vers 1)

Das Weite suchen

Ein Perspektivwechsel tut gut. Das gewohnte Umfeld verlassen, die Verpflichtungen, die Themen des Alltags, Menschen.

Mal auf einen Berg steigen und ins Weite schauen. Felder und Alleen, Hügel und Wiesen sind da. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt Reinhard Mey. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, sind dahinter verborgen, und dann ist alles, was uns groß und wichtig erscheint, auf einmal nichtig und klein!“ – Die Unterlagen für die Steuererklärung sind weit weg, die Gardinen können noch etwas auf das Waschen warten.

Jesus geht mit zwei Jüngern auf den Berg Tabor. Da sehen sie etwas von der Herrlichkeit Gottes. Sie spüren, wie Leben sein kann, wie weit und einladend, wie geborgen und frei. Gern würden sie auf dem Berg bleiben. Aber sie müssen wieder ins Tal mit der Arbeit, mit Menschen, die es schwer haben, mit Müdigkeit und Unvollkommenheit aller Art.

Hat der Berg sie verändert? Die Nähe Gottes? Gehen sie mit neuer Kraft und neuen Gedanken zurück?

Ab und zu das Weite suchen, den Blick von ganz oben, das tut uns gut!

von oben spüren