Auf dem Weg zum Einkaufen komme ich in Krainhagen an einem Osterkranz vorbei. Der Blick reicht weit in die Ebene. Die Stimmung hellt auf. Ostern!
Wir suchen Moos im Bückeberg und Bärlauch an der Schaumburg. Wir genießen die Blüte der Märzenbecher in Holtensen und die Farbtupfer im Garten. Der Winterschlaf ist beendet. Es kaum zu fassen, was die Sonne jetzt alles wachküsst. Neue Gedanken und Gefühle nehmen in uns Anlauf. Herrlich! Die Wäsche kann jetzt wieder im Freien trocknen – und wir ahnen, dass auch in uns ein frischer Wind einziehen kann.
Ostern! Neuanfänge und Aufbrüche sind möglich. Es muss nicht bleiben, wie es ist. Die kleine dicke Raupe wird zum Schmetterling. Was heißt hier „Da kann man nichts machen“? Ich bin für Überraschungen bereit. Es lebe das Leben!
Es gibt die alte Tradition, zur Osterzeit Brunnen zu schmücken. Dahinter steckt die Vorstellung, dass das Wasser, das an Ostern geschöpft wird, eine besonders große Heil- und Segenskraft besitzt. Aus den Brunnen wurde früher das Wasser für das tägliche Leben geschöpft – eine Kostbarkeit!
Die LandFrauen aus Uslar pflegen diese Tradition, indem sie eine Krone binden und den Brunnen vor dem Rathaus mit bunten Eiern schmücken. Ich durfte das 75-jährige Jubiläum mit ihnen feiern, bei dem deutlich wurde, dass auch die Themen von Jetzt und Hier eine große Rolle spielen, die Moderne mitgestaltet wird.
Die Begründerin der LandFrauenvereine, Marie-Luise Gräfin Leutrum zu Ertingen hat seinerzeit gesagt: „Die Vereine werden das sein, was wir selbst aus ihnen machen. Und je mehr sich lebendig einbringen, desto fruchtbarer wird es für alle sein.“ Ich kann mir vorstellen, dass Gräfin Leutrum große Freude an den LandFrauen aus Uslar hätte!
Das Frühstücksbuffet war vom Feinsten. Alles selbst gemacht von den Frauen der Kirchengemeinde Hille. „Über reden und reden lassen“ durfte ich sprechen. Ein Thema, das uns alle betrifft. Wie wir mit anderen Menschen im Gespräch sind, das entscheidet darüber, wie unsere Beziehungen zu den Menschen aussehen.
Worte wirken. Sie können wohltun und wehtun. Sie können beflügeln und kränken, ermutigen und verunsichern. Sie können Klärungen schaffen und Missverständnisse in die Welt setzen, Nähe schaffen und Distanz. Worte haben eine große Macht. Sie können sogar Kriege auslösen.
Alle reden, aber Kommunikation ist eine hohe Kunst. Das aufmerksame Zuhören ist ebenso wichtig wie das Sprechen. Auf den Tonfall achten. Echt sein. Es gibt einen Satz, für den bin ich einer lieben Freundin bis heute dankbar: „Sprechenden Menschen kann geholfen werden!“
Und dann war da die Frühlingswiese vor der Kirche! Es rührt uns immer wieder an, was in der Natur geschieht. Da blüht etwas, wo alles wie vertrocknet erschien. Neues Leben bricht auf. Es ist eine Hilfe, um etwas zu ahnen, was kein Mensch verstehen und kann: Auferstehung ist möglich!
Ich stelle mir vor, dass wir den Schatz unserer Worte („Wortschatz“) wieder neu entdecken und mit Leben füllen!!
Feierabend! Es ist genug für heute! – Ja, ich weiß, es gäbe dies und das noch zu tun, aber für heute ist Schluss. Die Herausforderungen in unserer großen und kleinen Welt sind allemal größer als das, was wir an Kraft und Möglichkeiten zur Verfügung haben.
Ich habe getan, was ich konnte und jetzt bete ich: „Nimm, was ich getan und nicht getan habe, was ich gesagt und nicht gesagt habe, was ich geschafft und versäumt habe – und mach was draus. Vollende du, was ich nicht vollenden konnte!“
Wer weiß, was da alles geschieht zwischen Himmel und Erde, während wir Feierabend haben oder schlafen. Vielleicht öffnet Gott Herzen und Türen – und bewegt etwas in den Menschen, die wir nicht erreichen konnten. Vielleicht schickt er uns überraschende Einsichten!
„Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!“ (Friedrich Christoph Oetinger)
Du siehst die Welt wie durch einen Grauschleier. Nicht von heute auf morgen. Eher schleichend. „Was ist los, Mama?“, fragen die Kinder. Ja, was ist los? Da liegt ein Nebel über allem, was ich sehe. Die Ärzte sprechen vom Grauen Star.
Wie gut, dass die Medizin helfen kann. Eine Kunstlinse wird eingesetzt. Am Tag nach der OP wird der Verband abgenommen. Das ist ein Moment, der staunen lässt. Ein Wunder! Du siehst die Welt mit neuen Augen!
Ich frage mich seitdem: Kann es sein, dass die Welt immer noch ganz anders ist, als ich sie sehe, dass die Menschen noch ganz anders sind, als ich sie sehe? Kann es sein, dass Gott ganz anders ist? Unserem Denken und Verstehen eine Ewigkeit voraus. Größer, geheimnisvoller, kraftvoller?
„Du bist ein Gott, der mich sieht“. So steht es in der Bibel. Womöglich sieht Gott uns ganz anders, als wir selbst uns sehen, begegnet uns mit einer Liebe, die Würde gibt, mit Wohlwollen. Das würde uns staunen lassen!!
In diesem Jahr durften sie wieder vor der Haustür stehen und vom Licht in der dunklen Nacht singen. Schon Tage vorher hatte ich mich auf den Besuch der Sternsinger von der katholischen Gemeinde gefreut. Sie bringen Segen: „Christus mansionem benedicat“. Christus segne das Haus! Alle, die hier wohnen, alle, mit denen wir verbunden sind und alle, die als Gast kommen. Egal, was ist: Segne uns, umgib uns mit deiner heilenden Kraft.
Die Sternsinger freuen sich über eine Spende. In diesem Jahr für die Aktion „Kinder stärken – Kinder schützen“. Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, sagte beim Besuch der Sternsinger im Schloss Bellevue: „Jedes Kind auf dieser Erde hat ein Recht auf Liebe, Fürsorge, Schutz und Bildung. Ihr braucht uns, um das durchzusetzen. Ihr habt ein Recht darauf, dass wir Erwachsenen das zu unserer Sache machen.“
In einer Lichterprozession zu Epiphanias folgten wir dem Stern der drei Weisen aus dem Morgenland. Eine gute Idee! Mehr gehen als sitzen. Das Licht in die Welt bringen. Hellmacher werden. An vier Stationen rund um die Nikolai-Kirche in Rinteln erwarteten uns Lesungen, Meditationen und Lieder. – Neben vielen Wünschen, die uns derzeit bewegen, ist dieser wohl ein besonderer: Unser Leben möge „unter einem guten Stern“ stehen. Das wünschen wir für die Welt und für unsere persönlichen Lebensräume. Unterwegs sein mit Gott an unserer Seite möge uns Halt und Orientierung schenken, ein neues Denken und Miteinander!
Nach der Prozession ging es zu Gottesdienst und Neujahrsempfang in die Kirche. Superintendent Christian Schefe zitierte einen kleinen Satz, den er „die wohl kürzeste Weihnachtspredigt“ nannte: „Mach’s wie Gott, werde Mensch!“ (Zitat von Phil Bosmans).
„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!“
„Sawubona, liebe Heidrun“, so beginnt ein Weihnachtsbrief, den ich immer wieder gern zur Hand nehme. Da sagt einer nicht „Hallo“ oder „Moin“. Er wählt eine Anrede, mit der man sich im Stamm der Zulu begrüßt. „Sawubona“ bedeutet: „Ich sehe dich“. Ich nehme dich wahr. Ich schaue dir in die Augen. In deinem Gesicht gibt es viel zu lesen. – Wie schön, wenn einer genauer hinschaut!
In diesem Jahr heißt die Jahreslosung: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ – Dahinter steckt eine spannende Geschichte. Sara kann keine Kinder bekommen. Das war ihrerzeit eine Tragödie, für sie selbst und für die Sippe. Was tun? Sie ermuntert ihren Gatten, den Abraham, die Magd Hagar als Ersatzmutter seiner Nachkommen zu wählen. Die Zukunft muss gesichert werden, das hat Priorität!! Wahrscheinlich hatte Sara nicht damit gerechnet, dass solche Dreiecksbeziehungen ein hohes Konfliktpotential in sich tragen. Sich minderwertig oder ausgenutzt fühlen. Eifersüchtig sein und hassen, sich piesacken und verletzen …. Sara schickt Hagar in die Wüste, ganz weit weg! Das Zusammenleben war unerträglich!
In der Wüste, ohne Zukunft und Kraft, ganz am Ende, kommt ein Engel – am Brunnen des Lebendigen – wie auch immer! Er erinnert Hagar daran, dass sie doch guter Hoffnung ist, das Kind in ihrem Bauch ist deutlich spürbar!! Hagar hat erfahren: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ – Wüstenzeiten! Die Wüste muss nicht Sahara oder Gobi heißen, auch im Schaumburger Land wissen wir, was gemeint ist: Traurig und erschöpft sein. Wenig Lebe-Lust, viel Kummer. Blöde Sachen im Gepäck.
„Du bist ein Gott, der mich sieht!“ – Das tut gut. Du siehst uns zwischen „Trial and Error“, Wunsch und Wirklichkeit. Du siehst, womit wir uns quälen, die Welt vorm Infarkt. – „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ Der du in der Raupe den Schmetterling sieht, sieht wohl auch in mir schon manches, was da schlummert, das durch Liebe geweckt werden kann. Du holst uns nicht raus aus dem, was ist – aber du bist an unserer Seite.
Es gibt Lieblingsessen und alte Geschichten aus der Schulzeit, Geschichten von besonderen Ereignissen und von Menschen, die Spuren hinterlassen haben. „Was macht denn eigentlich …?“ – Ein Team ist für das Schmücken des Tannenbaums zuständig – von dem dann ein Zweig zum Grab der Großeltern gebracht wird, damit wir mit ihnen nicht nur in Gedanken verbunden sind.
Töchter wagen sich ans Strümpfestricken. „Oma würde jubilieren!!“ – In mir erwacht die alte Begeisterung für den Sport – wenn ich mit den Enkeln via Switch Tennis spiele. Wir backen Waffeln, spielen „Tutto“ und freuen uns riesig, dass die große Truppe Wiedersehen feiert. Bevor die Bescherung beginnt, wird gesungen….. Da ist viel buntes Leben, inclusive Christmette.
Familienleben ist spannend. Trotz gleicher Wurzeln und Prägungen entwickelt sich jeder auf seine Weise – und das ist gut so! Bei aller Freude am Zusammensein braucht jeder auch seine Rückzugsmöglichkeiten, seine „Eigen-Zeit“. Geschmäcker sind verschieden. Jeder bringt seine Themen mit – und über manches wird in solchen Konstellationen besser geschwiegen! Bei einigen Sätzen wird beim anderen etwas „getriggert“, mehr oder weniger heftig. Mucksch sein ist gar nicht so selten.
Weihnachten wird oft mit hohen Erwartungen an Liebe, Harmonie und Frieden überfrachtet. Es ist alles viel normaler – wie in Bethlehem. Und Gott ist mitten unter uns! Damit lässt sich gut feiern, wenn das Haus voll ist!
Ostfenster der Katharinenkirche in Kathrinhagen, Auetal
In einem Stall hat alles angefangen! Der Duft von Mist, das schwierige Drumherum passte ganz und gar nicht zu dem weltbewegenden Moment, als Gott Mensch wurde.
Aber genau dieses Bild vom Stall tröstet. Gott kommt in unsere Mühe und unseren Mist. Er kommt in die Ecken, die nicht aufgeräumt sind, dahin, wo getrauert, vermisst und gesehnt wird. Er kommt dahin, wo Menschen überfordert, angeschlagen, krank oder einsam sind.
„Euch ist heute der Heiland geboren“. Das ist Weihnachten. Wir müssen uns nicht mehr übelnehmen, dass wir nicht perfekt sind. Auch in diesem Jahr wird nicht alles harmonisch sein in uns und um uns herum – und in der großen Welt schon gar nicht, ganz im Gegenteil! Aber alles ist aufgehoben bei Gott. Alles, was war, was ist und was kommen wird!
Danke, dass uns der Seelenfutter-Adventskalender für vier Wochen miteinander verbunden hat. Gemeinsames Suchen und Finden tut gut. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, gute Begegnungen, fröhliche Stunden und die Erfahrung, die Martin Luther in einem Lied so ausgedrückt hat: „Es leucht‘ wohl mitten in der Nacht.“ (EG 23,4)
Mit herzlichen Grüßen, Ihre/Eure Heidrun Kuhlmann
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