Kategorie: Unterwegs notiert

Beziehungs – weise

„Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht 24 Stunden lang in seinen Mokassins gelaufen bist“. Dieses Sprichwort kommt von den Indianern.

Wir können lange darüber nachdenken und es beherzigen, wenn wir Menschen begegnen. Jeder möchte geliebt, geachtet, gelobt und verstanden werden. Hinter jeder Wut steckt ein Mensch, der um Hilfe ruft. Die Aggressiven haben Angst, die Zicken ein Defzit an Liebe. Jeder hat seine Geschichten aus 1001 Nacht im Gepäck, Sehnsüchte, Erfolge, Verletzungen, Handicaps und Kummer.

Bevor ich meine Kommentare abgebe über einen Menschen, möchte ich mich erst einmal innerlich voller Hochachtung vor dem Geheimnis des anderen verbeugen. Ich möchte genau hinschauen und hinhören, aber nicht urteilen. Was weiß ich denn schon!!

Damit uns die Puste nicht ausgeht

Es war kurz vor Weihnachten. Das Thermometer zeigte minus 21°. Wir saßen im Flugzeug mit dem Ziel Stockholm. Die Stewardess machte uns mit den Sicherheitsvorkehrungen an Bord vertraut. Falls während des Flugs passieren sollte, was hoffentlich nicht passieren wird, sollten wir die Sauerstoffmasken anlegen und ruhig und tief atmen. Und wenn wir das erledigt haben, könnten wir auch noch den Banknachbarn helfen. Danach!!

Das leuchtet ein! Wir müssen erst dafür sorgen, dass wir selbst genug innere und äußere Kraft zur Verfügung haben. Wenn das sicher gestellt ist, dann können wir anderen Menschen viel geben, dann können wir anderen Menschen viel sein. Die Reihenfolge ist wichtig, damit uns nicht die Puste ausgeht. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, das ist ein Lebensgesetz.

Wie viel Kluges hatte ich schon zu diesem Thema gelesen, zu „Work-Life-Balance“, zum Gleichgewicht von Tun und Lassen, Geben und Empfangen. In 10 000 m Höhe habe ich es völlig neu verstanden, es wurde auf einmal existentiell wichtig. Erst sich selbst mit Sauerstoff versorgen, danach können wir für die anderen da sein und anpacken, was zu tun ist.

Übrigens – was ich noch sagen wollte

Wir machen viele Worte und gleichzeitig bleibt wichtiges ungesagt zwischen uns Menschen.
Ich habe manches Mal nach einer Begegnung das Gefühl, dass ich noch enmal umkehren, anrufen oder schreiben möchte, unter der Überschrift: „Übrigens, was ich noch sagen wollte….“
Noch einmal etwas vertiefen und persönlicher werden. Ich möchte dem anderen einen Blick in mein Herz gewähren. Vielleicht werde ich dabei verlegen und unsicher, womöglich bekomme ich einen roten Kopf und meine Stimme zittert, aber was soll’s.

Es wird vieles nicht gesagt zwischen uns. An Dank und Klärung, an Geständnis, Bitte und Lob. „Übrigens, was ich noch sagen wollte….!“ Wie viel Menschlichkeit geht dieser Welt verloren, weil wir etwas von uns zurückhalten. Manche Laudatio, die am Ende eines Lebens gehalten wird, könnten wir doch schon jetzt beginnen.

Sage mir, wofür du Zeit hast …..

und ich sage dir, was dir die Menschen und die Dinge bedeuten, und wie du mit dir selbst umgehst.“ Darüber können wir lange nachdenken.
Wenn wir sagen: „Ich habe keine Zeit“, dann müssten wir, wenn wir ehrlich sind, den Satz weitersprechen: „Ich habe keine Zeit, um dies und das zu tun, weil mir etwas anderes im Moment wichtiger ist. Wofür wir uns Zeit nehmen, das zeigt an, was uns wichtig ist! Zeit haben hat etwas mit lieb haben, mit wertschätzen zu tun.
Wenn mir ein Mensch oder eine Sache viel bedeutet, dann werde ich in der Regel auch Zeit finden, egal, wie viel ansonsten zu tun ist, egal, was sonst alles angeboten wird.
Womit werde ich meine Tage im Advent füllen? Was und vor allem wer ist mir wichtig? Das gilt es immer wieder neu zu entscheiden.
„Sage mir, wofür du Zeit hast, und ich sage dir, was dir die Menschen und die Dinge bedeuten.“