Alle Beiträge von Heidrun

4. Mai 2020 – Sofa-Gottesdienste

Ich sitze auf dem Sofa und genieße ein besonderes Gottesdienst-Format. Die Kirchengemeinden Bad Eilsen und Steinbergen haben sich etwas originelles einfallen in diesen Zeiten. In der Kirche stehen ein Sofa oder zwei Sessel. Der Pastor spricht mit einem Gast aus der Gemeinde über große Fragen des Lebens. So normal und lebendig, wie wir uns alle mit einem guten Bekannten unterhalten könnten – und gleichzeitig tiefgründig, vom Gottvertrauen geprägt.

Gestern ging es um Wüsten- oder Krisenzeiten im Leben. Ein Landwirt wurde per Film eingeblendet. Er arbeitete gerade mit seinem Trecker auf dem Acker. Er sagte, dass ihm der Wechsel von schwierigen und schönen Zeiten von kleinauf vertraut ist. Du machst Dir Gedanken wegen der Trockenheit, schlechten Preisen und wenig Ertrag, zu viel Sonne, zu wenig Sonne – aber dann gibt es auch wieder positive Erfahrungen, gute Ernten, Landregen im Mai. Wie im Leben: Nach manchen Talsohlen geht es wieder bergauf. Jetzt müssen wir auf vieles verzichten, aber es kommt die Zeit, in der wir uns wieder mit Freunden zum Grillen treffen können. Es wird wieder Sommer! Es wird wieder Weihnachten! – Das klang überzeugend, weil der Landwirt seit mindestens 3 Jahrzehnten mit dieser Erfahrung lebt! Existentiell!!

Eine ältere Dame wurde eingeblendet. Sie berichtete von ihren Kriegserfahrungen, von dem, was ein Leben an Krisenzeiten bereithalten kann. Sie sprach auch von ihrem Glauben, dass sie Gott auf allen Wegen an ihrer Seite wusste.

Von Sofa zu Sofa, begleitet mit Liedern und Gebeten voller Vertrauen, kam ich zur Ruhe, zu Gott, zu mir. Ich hoffe, dass solche guten Projekte, die jetzt in Krisenzeiten entstehen, weiter gepflegt werden. Sie sind ein Schatz!

25. April 2020 – (K)ein Schaf sein

Bloß das nicht! Wer möchte schon gerne ein Schaf sein: angepasst, fremdbestimmt und willenlos. Schaf-Menschen haben ein denkbar schlechtes Image in unserer Gesellschaft. Wir möchten selbst bestimmen, wie wir unser Leben gestalten. Wir sind nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere uns haben möchten.

Wenn in der Kirche von „Schäfchen“ gesprochen wird, ist das alles andere als schmeichelhaft. Es heißt: Wir mischen uns viel zu wenig ein. Wir schweigen, wenn reden etwas klären und verändern könnte. Bei uns ist von Montag bis Samstag nur wenig zu spüren vom Geist des lebendigen Gottes.

Der Mensch von heute möchte kein Schaf sein. Nur manchmal, z.B. wenn ein Virus alles selbst bestimmen in Fragen stellt, Sicherheiten nicht mehr sicher sein lässt, dann sind wir froh, jemanden zu haben, bei dem wir uns gut aufgehoben wissen. Wir sind froh, dass eine Bundeskanzlerin den Schneid hat, um des Lebens willen unpopuläre Entscheidungen zu treffen. „Hirte“ sein ist keine leichte Aufgabe in dieser Zeit. Herde sein auch nicht!

Wir sind froh, wenn uns einer Mut macht, wenn wir die Nähe von Menschen spüren, obwohl körperliche Nähe derzeit nicht erlaubt ist. Wir, die wir meistens ganz gut allein zurechtkommen, sind dankbar für jemand, bei dem wir uns anlehnen können, der Worte hat, die wir uns selbst nicht sagen können.

„Der Herr ist mein Hirte“, heißt es im Psalm für diesen Sonntag. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal … du bist bei mir!“

Manchmal werden Menschen anderen zum Hirten, indem sie begleiten, trösten, zuhören, aufeinander achten, inspirieren, für kleine Zeichen der Liebe sorgen, ganz unspektakulär. Mein Mann traf im Maler-Großhandel auf eine Frau an der Kasse, die völlig überfordert war. „Da hilft jetzt nur noch ein Rosinenbrötchen, oder?“ – Auf dem Heimweg hielt er beim Bäcker, besorgte eins und brachte es dahin, wo es einen Menschen zutiefst berührte. Nur ein Brötchen!?

Ich wünschen Ihnen und Euch gute Erfahrungen mit dem „Guten Hirten“ – und auf dem Weg, für andere ein wertvoller Mensch, ein „Hirte“ zu sein!

20. April 2020 – Was uns fehlt

Menschen vermissen etwas „in diesen Zeiten“. Arbeit, Urlaubsreisen, Feiern, Konzerte, Restaurantbesuche, die lange geplante Konfirmation…. Ich habe den Gottesdienst in der Osternacht vermisst. Du sitzt in der dunklen Kirche, das Osterlicht wird hereingetragen, „Christus, Licht der Welt“. Nach dem Evangelium singen wir „Christ ist erstanden“ und dann wird das Licht an alle verteilt. Es wird hell. Der Gesang wird fröhlich – und später bleiben vor der Kirche viele stehen, umarmen und freuen sich, lassen nachklingen, was sie gerade erlebt haben!

Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr schreibt in „Christ und Welt“ im Rheinischen Merkur vom 16.4.: „Gott allein zu Haus“. Dieses hat mich in dem sehr lesenswerten Artikel besonders bewegt: Die Kirche ist mehr als eine Kirche! Das christliche Leben zeigt sich nicht nur in Predigt und Gesang. In diesen Tagen ist eine andere Art von Kirche gefragt: die, die im Stillen da ist. Seelsorge ist gefragt, die Tag und Nacht erreichbar ist. Seelsorge braucht eine gute Ausbildung, weil Krisen viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Wissen brauchen.

Für andere da sein, mehr und neu, das ist die Aufgabe aller Christinnen und Christen. Dafür braucht es keinen Talar. Für andere da sein, zuhören, am Telefon, über die Hecke oder mit einem altmodischen Brief. Das klingt nicht nach viel, bis es viele tun. Theologisch gesprochen ist das ebenfalls Gottesdienst. Christinnen und Christen werden gerade woanders gebraucht: Sie helfen, beraten, schweigen, beten (lieben, HK). Vielleicht müssen die Kirchen ihre Unsichtbarkeit aushalten, damit der sichtbar wird, den sie bekennen.

Das sind wertvolle Gedanken zu dem, was uns derzeit fehlt – und was Kirche sein kann. Und gleichzeitig freue mich riesig auf die Zeit, in der wir wieder gemeinsam in unseren Kirchen Gottesdienst feiern dürfen.

13. April 2020 – Flashmob 10.15 Uhr

Ostersonntag. Eine berührende Idee: Wenn wir uns in den Kirchen nicht versammeln dürfen, dann möchten wir doch Zeichen setzen, dass wir zu Ostern im Glauben verbunden sind. Vor den Seniorenheimen, Krankenhäusern und Kirchen, auf Marktplätzen oder Balkonen stehen Musiker oder Sänger. Um 10.15 Uhr vereint sie der alte Osterhymnus „Christ ist erstanden“.

Ich hole meine Blockflöte, stelle mich auf Terrasse und werde zum Teil eines landesweiten „Flashmob“. Mit meinem wackeligen Glauben, der allerhand Zweifel und Grübeleien kennt, bin ich dabei. Ich spiele das Lied vom großen Wunder der Auferstehung, das mein Herz ersehnt und mein Verstand nicht fassen kann. – Mein Alltag kommt ansonsten viel bescheidener daher. Da werden eher kleine Brötchen gebacken.

In dem, was wir zu Ostern feiern, liegt Verwandelkraft. Diese Kraft kann der Welt ein anderes Gesicht geben. Sie kann uns verändern, uns über uns selbst hinauswachsen lassen. Sie kann Menschen neu in ihr gewohntes Leben gehen lassen! So habe ich das empfunden, als ich mit der Blockflöte auf der Terrasse stand.

„Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt.“ (Evangelisches Gesangbuch 620, Vers 4)

Herzlichen Dank sage ich allen, die gern auf die Seelenfutter-Seite schauen. Ich werde weiterhin schreiben, allerdings nicht mehr täglich, nur jeweils zum Wochenende. Für heute liebe Grüße und der Wunsch, dass Sie Gott in Ihrer Nähe spüren.

12. April 2020 – Christ ist erstanden

In diesem Jahr ist alles anders. Vieles fehlt. Vieles vermissen wir. vieles tut weh. Trotz allem, in allem feiern wir Ostern, das Fest des Lebens und der Hoffnung.

Die Natur macht es uns leicht, den Aufbruch von neuem Leben wahrzunehmen. Die Apfelbäume beginnen zu blühen, der Frühlingsvogel singt seine Lob- und Liebeslieder, der frische Bärlauch in Quark oder Suppe ist ein Genuss. Was in der Natur gerade geschieht, berührt uns stets aufs Neue. Auferstehung ist möglich!

Der Schweizer Theologe und Dichter Kurt Marti hat geschrieben: ….Ihr fragt: Gibt es eine Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht. – Ihr fragt: Gibt es keine Auferstehung der Toten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wonach ihr nicht fragt: Die Auferstehung derer, die leben. Ich weiß nur, wozu Christus uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.

Manchmal erfahren wir das: Was erstarrt ist, kann auftauen. Wo lange Schweigen war, finden Menschen neue Worte füreinander. Wer sich verbogen hat für andere, gewinnt seine Freiheit und Würde zurück. Einer entdeckt das Wir-Gefühl. Es muss nicht alles bleiben, wie es ist. Neuanfänge sind möglich. Du kannst getrost gehen auf Wegen, die dir viel abverlangen – mit dem lebendigen Gott an deiner Seite.

Vor zwei Jahren ist Mutter gestorben. Am Tag vor ihrem Tod war sie schon fast im „Anderland“, im Dämmerschlaf. Auf einmal richtete sie sich auf, bekam ganz große, strahlende Augen und schaute nach oben, so, als wolle sie gerne dorthin. Sekunden später fiel sie erschöpft in ihr Kissen. Seitdem frage ich mich: Was hat sie gesehen, das ihr so viel Kraft gab, das sie lockte und strahlen ließ. Dieser kleine Moment ist in meinem Innern bewahrt. Er lässt mich ahnen, dass uns nach Tod etwas ganz Großes und Schönes erwartet. Ewiges Leben, in dem alle, von denen wir Abschied nehmen mussten, schon jetzt Frieden und Fülle haben.

Ich werde einen Osterspaziergang machen – und mich freuen, dass ich lebe, dass es Menschen gibt, denen ich wichtig bin, dass die Sonne scheint. Vielleicht lese ich Enkelin Hanne die Geschichte von der kleinen Raupe Nimmersatt vor, die zum Schmetterling wird. Dabei werde ich für mich denken: „Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“ Halleluja.

Frohe Ostern wünsche ich Euch. Bleibt gut behütet.

11. April 2020 – Dazwischen

Die Welt ist nicht mehr, wie sie war – wir wissen noch nicht, wie die Entwicklung weitergeht. Die alte Liebe hat nicht mehr gehalten, ob die neue mehr Glück bringt, das ist noch nicht vorhersehbar. In der bisherigen Stelle wurde sie nicht mehr gebraucht, eine neue ist noch nicht in Sicht.

Wie fühlt sich das an, zwischen nicht mehr und noch nicht? Diese Zeit „DAZWISCHEN“? Du kannst nichts tun. Der Ausgang ist offen. Du hängst in der Luft oder fällst in ein Loch. Du lenkst dich mit 1000 Dingen ab oder grübelst ohne Ende!

Die Zeit „DAZWISCHEN“. So wie heute – zwischen Kreuzigung und Ostern! – Damals wusste niemand, wie die Geschichte mit Jesus weitergehen würde. Wir können uns hineinfühlen: Er ist nicht mehr da, den sie geliebt haben. Und nun?

„DAZWISCHEN“ kommt vieles hoch im Menschen. Es ist, als würde das Leben still stehen. Die Seele braucht Zeit! Verluste brauchen Zeit. Neuanfänge brauchen Zeit. Wenn es gut läuft, kommen uns wertvolle Einsichten im „DAZWISCHEN“. Wir sehen tiefer. Spüren, was stimmig ist für uns und die Welt.

Im Glaubensbekenntnis sagen wir „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Da war Jesus in der Zwischenzeit. Das meint wohl: Gott ist da, wo es dunkel wird, wo uns bange ist, wo wir nicht wissen, wie es weitergeht.

Und deshalb können wir tun, was getan werden muss vor dem Ostersonntag, auf dem Weg in die Zukunft.

Mit einem herzlichen Gruß, Ihre/Eure Heidrun Kuhlmann

10. April 2020 – In der Liebe, die alles umhüllt

Es gibt Tage, die haben etwas Schweres. Es gibt Bilder, die wir nicht sehen – und Wege, die wir am liebsten niemals gehen möchten. Aber sie gehören zum Leben dazu.

Der Karfreitag erinnert an das, was Menschen zu tragen und zu ertragen haben, was die ganze Welt erschüttert. Wir haben Nachrichten, Tragödien und Horrorszenarien im Kopf, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen, die weh tun.

Karfreitag: Die Liebe hat den allmächtigen Gott nicht im Himmel gehalten. Er ist Mensch geworden, um zu spüren, wie das ist, wenn man liebt und leidet, etwas leistet und scheitert, große Pläne hat und loslassen muss. Wie das ist, wenn man hoch gelobt und fallen gelassen wird, wenn man sterben muss. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Nichts! Gott leidet wie wir daran, dass die Welt ist, wie sie ist. Er geht die Wege mit, die wir zu gehen haben.

Ich habe mehr Fragen als Antworten, je älter ich werde. Spüre , wie das Leben ein Fragment ist – ein ständiges Suchen, ein zaghaftes Einüben ins Vertrauen. Was trägt, ist dieser schlichte Satz: „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand!“ Die größte Nähe zu Gott erfahre ich in den Wunden meines Lebens, in den Wunden dieser Welt. Gott weint mit uns.

Wenn wir heute nicht in die Kirchen dürfen, so finden wir bestimmt einen anderen Platz, um unsere Welt ins Gebet zu nehmen, um das auszusprechen, was uns das Herz schwer macht, um für die zu beten, die zu unserem Leben gehören. Wir erinnern uns: Alles, alles ist aufgehoben in der Liebe Gottes, auch dann, wenn wir es grad nicht spüren!

9. April 2020 – Die grüne Neune

In manchen Gegenden gehört die „grüne Neune“ zum Gründonnerstag, eine Suppe aus frischen Kräutern, die viele Vitamine liefert und Lebensgeister weckt.

1 Knoblauchzehe, 1 Kartoffel, 1 Möhre und 1 Zwiebel klein hacken und in Olivenöl andünsten. 1 Liter Gemüsebrühe hinzufügen und aufkochen. Neun Kräuter klein geschnitten dazugeben (z.B. Bärlauch, Kresse, Sauerampfer, Löwenzahn, Vogelmiere, Giersch, Rauke, Pimpinelle, Melisse, Schnittlauch….), kurz pürieren. Mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Zum Schluss etwas Sahne oder Schmand dazugeben.

Das Grün in Gründonnerstag kommt nicht von der gleichnamigen Farbe. Es kommt von „greinen“, weinen. Es ist der Tag, an dem Menschen zum Weinen zumute ist. Warum? Jesus sitzt am Abend vor seinem Tod mit seinen Freunden beim Essen. Ein letztes Mal. Wie ist das, wenn man Abschied nehmen muss? Was gibt es da zu sagen und zu klären, zu danken, zu fragen, auszuhalten und vorzubereiten? – Wie war das bei den kleinen und großen Abschieden, die Sie erlebt haben?

Die Männer sitzen zusammen an einem Tisch, essen und trinken wie so oft! Bis heute ist dieser Tisch gedeckt – für uns alle. Ganz egal, was wir mitbringen in Zeiten wie diesen, was wir mitbringen an Hoffnung und Angst, an Enttäuschung und guten Ideen. Wir sind willkommen und trinken „Brüderschaft“, „Schwesternschaft“ im besten Sinne des Wortes. An diesem Tisch werden Menschen befreit von dem, was sie gefangen hält und ausbremst. Sie sind einander und Gott nah und spüren, dass sie mehr sein können, als sie von Haus aus sind – und dass dieses Leben mehr bereithält als die paar Jahre, die uns hier geschenkt werden.

Das feiern wir bei jedem Abendmahl. Bleiben Sie gut behütet!

8. April 2020 – Jeder Mensch braucht einen Simon

Simon hatte den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet. Er war müde. Die Knochen taten ihm weh. Er freute sich auf ein langes Wochenende mit seiner Familie. Bestimmt hatte seine Frau etwas Leckeres gekocht. Was man so denkt, auf dem Weg nach Hause.

Sein Heimweg führte ihn durch die Stadt, durch Jerusalem. Es war erstaunlich viel los in den engen Gassen – und es ging nicht recht voran. Viele Menschen standen am Wege und schauten zu, wie ein junger Mann ein Kreuz auf seinen Schultern trug. Der junge Mann blutete und konnte kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Er war am Ende seiner Kräfte, ausgelaugt…. Den Soldaten dauerte das alles viel zu lange. Sie suchten in der Menge einen, der stark genug wirkte. Der sollte helfen, das Kreuz des jungen Mannes zu tragen. Die Wahl fiel auf Simon.

Der war alles andere als begeistert, gerne wäre er möglichst schnell weitergegangen. „Warum ausgerechnet ich?“ Wir suchen uns nicht aus, etwas Schweres zu tragen, oder zu ertragen. Es wird uns aufgepackt. Von einem Augenblick zum anderen liegt es auf deinen Schultern, obwohl du etwas völlig anderes vorhattest.

Jeder Mensch hat „sein Kreuz“ zu tragen. Dann brauchst du keinen, der dir gute Ratschläge gibt, der Durchhalteparolen oder salbungsvolle Worte liefert. Du brauchst einen, der dir tragen hilft. Jeder Mensch braucht einen Simon, einen, der da ist, wenn alle anderen wegbleiben, der treu zu dir hält, wenn andere auf Distanz gehen. Der ein Gespür hat für das, was du brauchst.

Das mit Simon ist 2000 Jahre her. Wir sprechen heute noch von ihm. Wir werden die Menschen nicht vergessen, die uns geholfen haben, als wir eine schwere Zeit hatten. Wir werden die Menschen nicht vergessen, mit denen wir geweint haben. Und: wir werden die vielen Menschen nicht vergessen, die jetzt, in der Krise, für andere sind, ihnen zum Simon werden.

7. April 2020 – Schwach sein ist menschlich

Auf dem Weg zum Wochenmarkt höre ich im Auto ein Lied, das mich auf seltsame Weise berührt: „Und du glaubst, ich bin stark und ich kenn den Weg; du bildest dir ein, ich weiß wie alles geht – du denkst, ich hab alles im Griff und kontrolliere, was geschieht ….aber ich steh nur hier oben und sing mein Lied.“ (Gruppe Ich und Ich)

„Und du glaubst, ich bin stark“ …. fast kommen mir die Tränen. Dieser Satz hat mich an einer empfindlichen Stelle getroffen – in Zeiten wie diesen, wo keiner weiß, wie die Welt in der nächsten Woche aussehen wird. Es ist schwer auszuhalten – und manches andere auch, das mir über den Kopf wächst und unter die Haut geht.

Starke Frauen (und Männer) haben mehr schwache Stunden, als ihnen lieb ist. Zusammen sein wollen und zusammen sein müssen, ist ein Unterschied. Das erfahren jetzt viele in den Familien. Allein sein wollen und allein sein müssen, ist ein Unterschied. Nicht alle können das aushalten. Vier Jahre lang haben sich Sportler auf ein großes Ziel vorbereitet – und nun wird es keine Olympischen Spiele geben. Wir lieben und müssen loslassen. Wir planen und erleben, dass sich Vieles ganz anders entwickelt.

Selbst die „Helden des Alltags“ haben ihre Tiefpunkte. Wenn der Körper streikt, weil die Belastung für Körper und Seele zu groß wird, weil der Spagat zwischen Dienst und Familie überfordert. Auch die klügsten Experten wissen nicht auf alles eine Antwort. Die amerikanische Leichtigkeit wird kleinlaut. Uns gehen Kraft und Mut, Nervenstärke und Hoffnung an manchen Tagen, aus. Das betrifft auch die, von denen wir glaub(t)en, sie seien immer stark. „Kennst du das auch?“ – „Ja, ich kenne das auch!“

Ich bin froh, dass es diesen Trost gibt: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Brief des Paulus an die Korinther 12,9). Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat gesagt: „Gottes zu bedürfen, ist des Menschen höchste Vollkommenheit!“